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Gepostet am 1. April 2019  | Kai S. Pieck

Angst essen Seele auf

Oder: Warum ist die Angst queerer Schauspieler*innen vor dem Outing so groß? Ein Essay.

Im Mai 2018 ist mir der Kragen geplatzt. Die erschütternden Enthüllungen, die zur MeToo-Debatte geführt hatten, bildeten den Anfang. Nicht nur die Taten machten mich wütend, sondern auch wie das Umfeld, die Mitwisser*innen, darauf reagierten. Letztere schienen Angst zu haben, auf einer schwarzen Liste zu landen und keine Jobs mehr zu bekommen, wenn sie „etwas sagen“ würden. Es wurde mir drastisch klar, wie rückgratlos und vor allem angstbesetzt unsere Freiberufler*innen-Branche ist. Und wie dringend notwendig es ist, das Miteinander aller Geschlechter und Geschlechtsidentitäten neu zu definieren. Den gegenseitigen Respekt neu zu erlernen.

Einen weiteren Denkanstoß gab mir das Buch des Autors und Aktivisten Johannes Kram, Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber... (2018) , in dem er sehr analytisch den Finger in die Wunde legt: Nämlich zeigt, wie „die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“ (so der Untertitel des Buches) heute funktioniert. Durch alle Gesellschaftsschichten, Berufsgruppen, politischen Lager und Generationen, sogar bis in die eigene queere Community hinein. Oft unbewusst, weil heteronormativ sozialisiert und gelernt. Das hat meinen Blick auf den eigenen Umgang mit meiner Homosexualität und meinem queeren und heterosexuellen Umfeld geschärft.

Der Trigger für mein dann folgendes Engagement war der Eklat zur ECHO-Verleihung 2018. Trotz Ethik-Kommission waren die Deutschrapper Kollegah und Farid Bang mit ihren antisemitischen Songtext-Zeilen bis zur Preisverleihung gekommen. Der Aufschrei war groß, Künstler wie Westernhagen und Barenboim gaben empört ihre ECHOS zurück und schließlich wurde der größte Musikpreis Deutschlands eingestampft. Als Abschlusserklärung verkündete der Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie, der Preis dürfe „keine Plattform für Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie oder Gewaltverharmlosung sein“. – Das empfand ich als extrem zynisch, denn Frauenverachtung, Homophobie oder Gewaltverharmlosung gibt es seit Jahrzehnten nicht nur im deutschen Rap und Hip Hop. Der Antisemitismus stellte nun eine neue Dimension dar, die im Mainstream angekommen zu sein schien. – Ich möchte nicht missverstanden werden: Antisemitismus ist ein zurecht extrem sensibles Thema und in keinster Weise hinnehmbar. Warum hatte sich aber zuvor noch nie jemand über die kontinuierlichen und vielen anderen Diskriminierungen dermaßen erzürnt? Warum wurde die Fragwürdigkeit der Echo-Preis-Vergabekriterien nicht schon viel früher diskutiert?

Also beschloss ich, etwas zu unternehmen und gemeinsam mit anderen queeren Medienschaffenden für mehr Sichtbarkeit und Repräsentanz queerer Inhalte und Akteur*innen in den Medien und damit in unserer Gesellschaft zu kämpfen. Mit dem Ziel, Akzeptanz zu schaffen und dringend benötigte Vorbilder zu liefern. Die Queer Media Society entstand und befindet sich derzeit im Aufbau.

Ich habe mich nie besonders dafür interessiert wer hetero, lesbisch, schwul, bi, trans oder sonst wie ist. Ob bei den „Promis“ oder den Menschen um mich herum. „Spannend“ wurde es nur, wenn klar war, dass da jemand versuchte, etwas zu verbergen. – Doch erst durch die eingehende Beschäftigung mit der gesamten, komplexen Thematik wurde mir klar, wie wichtig diese queere Sichtbarkeit ist. Denn ich erkannte, wie wenig ich mich über all die Jahrzehnte repräsentiert gefühlt hatte. Die Stereotypen, die in den Medien verbreitet wurden, hatten nichts mit mir zu tun.
Ich begann darüber nachzudenken, wen ich als schwules Vorbild hatte, an dem ich mich orientieren konnte. – Da gab es nicht viele: Helmut Berger und Jean Marc Barr waren meine ersten „Pinups“. Keiner der beiden lebte mir aber als Person schwules Leben vor. Im Prä-Internet-Zeitalter wusste man, Berger war offen schwul und wurde stets „skandalumwittert“ und exaltiert präsentiert. Über Barr erfuhr man erst später, dass er eventuell bisexuell sei...
Rosa von Praunheim und Rainer Werner Fassbinder prägten mit ihren Filmen derweil mein Bild vom schwulen Mann und der „Szene“. Nicht immer schön, manchmal einfach nur schrill, oft angstbesetzt, selten positiv. Kein Wunder: Erst 1994 wurde Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, in der Bundesrepublik abgeschafft!

25 Jahre später muss ich feststellen, dass sich trotz vieler Errungenschaften, wie der Ehe für alle, im Wesentlichen nicht viel verändert hat. Ich habe sogar den Eindruck, wir entwickeln uns wieder zurück. Noch immer muss ein Coming-out vorbereitet werden. Die Suizidgefahr homosexueller Jugendlicher gegenüber heterosexuellen Gleichaltrigen ist bis zu siebenmal höher. Bei transsexuellen Minderjährigen ist sie fast doppelt so hoch. Noch immer glauben die meisten, sich nicht angstfrei outen zu können.
Das schließt natürlich queere Schauspieler*innen mit ein. Dabei bin ich der festen Überzeugung, dass das nicht sein müsste. Und ich stelle mir ernsthaft die Frage, ob die Furcht queerer Schauspieler*innen – befeuert von ihrem angstbesetzten Umfeld bestehend aus teils gutmeinenden, teils profitorientierten und teils auch unbewusst homofeindlichen Berater*innen – nicht ein hausgemachtes Problem ist. Ein schwuler Kollege von mir behauptet gar, dass homosexuelle Schauspieler*innen sich nicht outen, ist kein gesellschaftliches, sondern ein sehr individuelles Problem, weil sie ein Problem mit sich selbst hätten. Ich meine, dass man das Individuum nicht von der Gesellschaft trennen kann. Aber nur das Individuum allein kann und muss entscheiden, wie es mit dieser Situation umgeht.
Natürlich gibt es Mobbing, natürlich gibt es Diskriminierung. Aber woher kommt sie? Rassismus sowie Homo-, Bi-, Trans- und Interphobie beruhen auf einer Mischung aus Angst und Ablehnung gegenüber Unbekanntem, Fremdem, und auf mangelnder Selbstliebe. Und wenn wir den Teufelskreis nicht durchbrechen und keine Sichtbarkeit erzeugen, wird sich niemals etwas ändern. Die Publizistin und Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg sagt dazu: „Wenn wir frei sein wollen, müssen wir aufhören uns zu verstecken!”

Als von Praunheim 1991 in einer Live-Sendung bei RTL Talkmaster Alfred Biolek und Comedian Hape Kerkeling outete, war das ein Skandal. Allerdings eher, weil er es ohne ihr Wissen tat. Beide TV-Lieblinge bestätigten später einhellig, es sei eine Befreiung gewesen. Auch, weil das Publikum „irre normal“ (Kerkeling) reagiert habe. Moderator und Schauspieler Jochen Schropp, der einer jüngeren Generation angehört und sich erst 2018 outete, berichtet dasselbe.
Im Gegensatz zu Schropp, der seitdem sehr entspannt damit umgeht, wollen sich andere geoutete prominente Moderator*innen und Schauspieler*innen nicht (mehr) für die Community stark machen, weil sie von der Presse nicht ausschließlich und immer wieder nur auf „dieses Thema“ reduziert werden wollen. Nach einem Outing habe man in der Berichterstattung schnell das Attribut „der schwule Schauspieler XY“ oder die „lesbische Sängerin YX“ anhaften. Dabei könnten diese Künstler*innen doch beeinflussen, dass sie ebenso für andere Themen neben den queeren Inhalten stehen, genauso wie sie jetzt beeinflussen, was sie zu ihrem Privatleben erzählen und was nicht, und ob überhaupt. Genauso wie es alle ungeouteten Prominenten auch beeinflussen. Immerhin scheint es nach wie vor eine Art unausgesprochenen Kodex zu geben, nachdem die Presse niemanden outet, auch wenn intern bekannt ist, dass jemand homosexuell ist.
Auch ungeoutete Künstler*innen berichten mir immer wieder, dass sie Angst hätten, nicht mehr besetzt zu werden oder nur noch homosexuelle Rollen angeboten zu bekommen (von denen es sowieso so gut wie keine gibt). Besetzer*innen, PR-Manager*innen und Schauspielagent*innen raten ihren Klient*innen ab, sich zu outen. Entscheider*innen in den Sendern und Produktionsfirmen sowie Regisseur*innen befürchten, „das Publikum“ würde es nicht akzeptieren, wenn der Love Interest im echten Leben schwul oder lesbisch ist. Ulrike Folkerts und Maren Kroymann können ein Lied davon singen. (Heute haben beide einen Status erreicht, in dem sie wieder alles spielen können.)
Machen wir uns nichts vor, es geht auch ums Geld, das verdient werden soll. Dass am Ende das Publikum, die Fans, sich abwenden, ausschalten, keine Kinotickets mehr kaufen, ist im Schauspielbereich nicht bewiesen. Denn so gut wie niemand outet sich und bekommt die Möglichkeit zu beweisen, was im Geheimen eh seit jeher passiert: ungeoutete homosexuelle Schauspieler*innen spielen heterosexuelle Mütter, Väter, den Love Interest etc. und die Welt glaubt es ihnen, weil sie einfach ihr Handwerk beherrschen. Um nichts anderes sollte es doch gehen! In was für einer Welt leben wir?

Was diese Welt jedenfalls hervorbringt sind Menschen, die glauben, sich verstecken zu müssen, weil sie nicht so sein können wie sie sind. Die sich, wie Sänger Daniel Küblböck, das Leben nehmen, weil sie mit sich und dieser Welt nicht klarkommen. Weil es z.B. auch Menschen gibt, die – wie ein prominenter heterosexueller Nachrichtensprecher, der in diesem Zusammenhang nicht genannt werden darf – alles daran setzen, nicht als homosexuell bezeichnet zu werden. Die einerseits vorgeben, tolerant zu sein, aber andererseits Homosexualität zum Stigma erheben, indem sie nicht „dafür gehalten werden“ wollen. So fucking what?! Vielleicht sollte ich demnächst gerichtliche Schritte einleiten, wenn jemand öffentlich annimmt, ich sei heterosexuell.
Der junge, offen schwule Journalist Sebastian Goddemeier hat in einem sehr autobiografischen noizz-Artikel über seinen „Weg zu mehr Selbstliebe mitten durch die Scham“ berichtet. Dabei spricht er von der Suche jedes Menschen nach Liebe und Anerkennung. Über die fehlenden queeren Vorbilder in seiner Kindheit. Die bisher nicht erreichte eigene Akzeptanz für sich selbst und seine Sexualität. Und dass aber am Ende dieses Prozesses die Selbstliebe stehen wird.

Ich bin überzeugt davon, dass viele queere Schauspieler*innen viel freier spielen würden und damit bessere Künstler*innen sein könnten, wenn sie geoutet wären. Den Druck, als Mensch ständig jemand anderes sein zu müssen und dieses kreierte Image dann auch noch in eine Rolle transportieren zu wollen – bloß nicht zu tuntig oder butch rüberkommen! –, kann auf Dauer niemand unbeschadet aushalten. Der offen schwule, junge Schauspieler Til Schindler wird in einem SZ-Artikel dazu zitiert: „Wenn du bekannt bist, heißt das ja, dass du dich und dein Begehren wirklich aktiv verstecken musst. Und das bedeutet eine hohe psychische Belastung.“ Und auch er hätte sich gewünscht, dass er als Jugendlicher schwule Vorbilder gehabt hätte. Dominic Frohn vom Institut für Diversity und Antidiskriminierungsforschung bricht das für alle Betroffenen herunter: „Homosexuelle sollten sich (...) nicht zu einer neuen Unsichtbarkeit verleiten lassen. Wer im Berufsleben offen ist, hat weniger psychosomatische Beschwerden – und ist insgesamt zufriedener mit der Arbeit.“

Die Queer Media Society sucht das Gespräch mit allen queeren Medienschaffenden. Vor allem aber mit den Schauspieler*innen, weil sie die symbolische Schnittstelle für die queere Repräsentanz in den Medien und damit in der Öffentlichkeit sind. Einerseits mit ihren Rollen, andererseits als Privatpersonen, die Teil des öffentlichen Interesses sind, und damit in beiden „Welten“ dringend benötigte Vorbilder sein können! Deshalb lade ich alle dazu ein, sich mit uns auszutauschen, sich aus der Comfort Zone zu wagen, die Blase zu verlassen und Präsenz zu zeigen!

In diesem Zusammenhang möchte ich den oben erwähnten Johannes Kram aus seiner Keynote zitieren, die er bei unserer Kick Off-Veranstaltung während der diesjährigen Berlinale gehalten hat: „Wenn Homosexualität irgendwann keine Benachteiligung, kein Risiko mehr sein soll, dann müssen wir Benachteiligungen und Risiken eingehen. Wir müssen aber vor allem Konzepte dafür haben, dass diese Risiken minimiert sind. (...) Jeder springt für sich allein. Wir können niemandem den Sprung vom 10 Meter-Brett abnehmen. Aber wir können zumindest dafür sorgen, dass im Becken Wasser ist.“ – Wenn ich oben davon gesprochen habe, dass sowohl die Individuen jeweils für sich allein entscheiden müssen, was sie tun, dann bilden all diese Individuen auch „die Gesellschaft“ und gleichzeitig besagtes „Becken voll Wasser“. Und wenn wir – wie eingangs ebenfalls erwähnt – den gegenseitigen Respekt wieder neu erlernen müssen, dann sollten wir mit dem Respekt vor uns selbst anfangen.

 

Der Text ist zuerst erschienen in Schauspiegel – Das Mitgliedermagazin des Bundesverbandes Schauspiel (BFFS), Ausgabe 1 (2019). S. 56-59.



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