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Gepostet am 18. August 2019  | Anja Kümmel

Ein Blick in die queere Zukunft: 100 Jahre nach den Stonewall Riots

Ein utopischer Essay über eine Gender-freie Zukunft und einen Blick auf 100 Jahre Stonewall Riots.

Hallo ihr Lieben! Willkommen bei Pat’s World. Heute berichte ich LIVE aus der Biosphäre Berlin, genauer gesagt vom Sidewalk Hub 3 – wozu auch das ehemalige Tempelhofer Feld gehört, wie einige von euch vielleicht noch wissen. Da stehe ich jetzt, denn direkt hinter mir – der Lärm ist unglaublich, könnt ihr mich überhaupt verstehen? – findet ein ABSOLUT außergewöhnliches Event statt.

Wo normalerweise Tomaten und Salatköpfe gedeihen, bewegen sich riesige, in allen Farben schillernde Elektro-Gleiter durch die Hydro-Gärten, die extra hierfür eine Etage höher gezogen wurden. Und, wie ihr seht, bin ich umringt von TAUSENDEN von Menschen! Fette Beats wabern durch die Luft, Security-Roboter schirmen die Gärten ab, Drohnen sirren über unseren Köpfen … Ja, ganz richtig: IRL! Hub 3 ist ja bekannt dafür, dass hier relativ viele Ungechippte leben, na ja, und was bleibt denen anderes übrig, also sich analog zu versammeln, haha!

Nein, mal im Ernst: Was hier gerade um mich rum abgeht, ist das EINMALIGE Revival einer Parade, die bis vor 25 Jahren jeden Sommer in Berlin stattfand. Und übrigens auch in vielen anderen Bio… äh: Städten natürlich, damals.

Zoomt mal ein Stück rein! QUEER PRIDE PARADE blinkt in knalligem Pink über dem Wagen von Sidewalk Labs, könnt ihr’s lesen? Dahinter seht ihr die WIRKLICH BEEINDRUCKENDEN Projektionen der drei großen Plattformen und der stärksten Gruppen …. Ihr werdet euch jetzt wahrscheinlich fragen: WTF ist Queer Pride? Die Infos sind widersprüchlich und der Faktencheck ist nicht ganz einfach. Aber, damit ihr eure Fingerchen gar nicht erst bewegen müsst, werde ich versuchen, es HIER VOR ORT für euch rauszufinden … Entschuldigung, darf ich dich fragen, wie alt du bist?

Äh … gerade 67 geworden.

Glückwunsch! Das ist perfekt. Und wie heißt du?

Ike.

Hi, Ike. Ich bin Pat, von Pat’s World. Du wirkst nervös.

Na ja … Passiert ja nicht mehr so oft, dass IRL so viele Menschen zusammenkommen!

Ike, warst du schon früher bei den Queer Pride Parades?

Ja … Das heißt, ich war damals eher bei der alternativen Pride zu finden.

Hm. Aha. Was heißt das genau?

Eine Art Gegen-Demo ohne Parteien und Konzerne …

Parteien?

Politische Parteien. Als es noch Nationalstaaten gab. Im Prinzip das, was heute die Gruppen repräsentieren, denen eins sich virtuell anschließen kann.

Verstehe. Aber … ohne z.B. das Sponsoring von Alphabet wäre dieses Revival ja gar nicht möglich gewesen!

Tja.

Äh … Kannst du dich denn noch an die letzte Parade erinnern?

Hm, welche nun die letzte … Wir wussten ja nicht, dass es die letzte sein würde. Obwohl schon klar war, dass es die Parade nicht mehr lange geben würde. Sie wurde so ab 2040 eigentlich nur noch aus Nostalgie zelebriert.

Wie meinst du das?

Also, heute wird ja das 100-jährige Jubiläum der Stonewall Riots gefeiert. Damals in New York –

Moment, kurz für meine Follower: New York, das war eine Stadt an der ehemaligen Ostküste der USA, die teilweise in den schwimmenden Biosphären LilyPad 1 bis 5 weiterexistiert …

Jedenfalls gab es da eine Minderheit, die … Hm, es ist schwer zu erklären. Damals war es eben sehr stark reguliert, wen eins lieben durfte und … und wie eins sich kleiden durfte und so. Diese Aufstände vor 100 Jahren waren sozusagen der Anfang einer Gegen… oder sagen wir: einer Emanzipationsbewegung dieser Minderheit …

Vor HUNDERT Jahren – zieht euch das rein!

Allerdings hat sich etwa ab meiner Teenie-Zeit die Kategorie Geschlecht, an der diese ganzen Regulierungen festgemacht wurden, mehr und mehr aufgelöst. Damit war vieles, wofür wir gekämpft hatten, erreicht. Oder hinfällig. Oder, besser gesagt: Die Kämpfe haben sich an andere Schauplätze verlagert.

Kannst du kurz erklären, was queer überhaupt heißt?

Hm, gar nicht so einfach. Für mich hatte es was damit zu tun, welche Menschen ich anziehend fand. Also in meinem Fall: Dass ich als Frau auf Frauen stand.

Frau …?

Hm, ja. Frau. Es gab ja nun mal diese Unterteilung in Männer und Frauen

Als Frauen wurden Leute bezeichnet, die gern bunte Farben trugen, oder? Hab ich kürzlich in einer Studie gelesen. Und Frauen hatten statistisch gesehen auch öfter Katzen. Als es noch Katzen gab.

Das mag sein, aber …

Also so ungefähr, wie wenn ich sage, ich höre gern Neo-Jazz und mag E-Climbing, und deshalb suche ich mir Personen, die auch Neo-Jazz und E-Climbing mögen?

Nicht ganz. Die Unterscheidungen waren damals etwas … strikter. Es ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Hast du zur Zeit romantische Beziehungen, Pat?

Darüber hatte ich gerade in den letzten Folgen berichtet! Hier blende ich euch die Links nochmal ein … Mit Jiri läuft immer noch alles super, aber mit Sid ist es nach wie vor kompliziert, denn hen ist ja ungechippt. Das ist natürlich katastrophal für unsere Kommunikation, außerdem verringern sich meine Credits rapide durch diesen … quasi blinden Fleck in meinem Leben.

Das ist doch interessant, oder? Es gibt zwar kein binäres Geschlechtersystem mehr, aber trotzdem noch essentielle Unterschiede zwischen Menschen …

Klar, macht ja auch viel aus, ob du on oder off bist! Ob du die Schwebebahn benutzen kannst, deine Gesundheitsdaten gecheckt werden, oder ob du teilen kannst …

Ähnlich ausschlaggebend war es früher, ob eins als Mann oder Frau angesehen wurde. Übrigens hat sich das neutrale Personalpronomen hen aus dem Schwedischen auch erst vor etwa vierzig Jahren global durchgesetzt …

Und vorher gab es genau zwei Optionen, zwischen denen eins sich entscheiden musste? Also Mann oder Frau?

Ja! Das heißt: Nein. Eins konnte sich nicht entscheiden. Das haben andere festgelegt.

Äh … wie?

Gleich bei der Geburt, wenn ich mich recht erinnere.

Woher soll denn eins bei meiner Geburt wissen, ob ich später gerne blaue Shirts trage, oder … lieber Slow-Rave oder Austro-Fusion höre?

Ich bin da wirklich keine Expertin. Aber diese Einteilung hatte auch was mit dem Hormonstatus einer Person zu tun, glaube ich. Der war natürlich nicht stabil über die Lebenszeit, aber doch wohl etwas kontinuierlicher als heute. Und mit der Fortpflanzung, nicht zu vergessen!

Es lässt sich ja nachlesen, aber mir kam das irgendwie immer gefaked vor … Stimmt es, dass Kinder früher in den Körpern von Menschen gewachsen sind?

Hm ja, zumindest neun Monate lang. Und von diesen Menschen wurden sie dann auch aufgezogen. Das heißt, in der Theorie von einer Frau und einem Mann gemeinsam. Aber die Realität sah oft anders aus. Ich z.B. wurde nur von meiner Mutter aufgezogen.

Dich hat eine Person alleine aufgezogen? Die ganze Zeit?! Wie stressig ist das denn! Mit mir wären Yu und Friis und Sati schon zu dritt fast wahnsinnig geworden … Wobei, als ich klein war, gab es ja auch noch Erin. Aber hen ist vor vier Jahren gestorben. Meine Back-to-the-roots-Folgen könnt ihr übrigens gleich hier …

Oh, das Regenbogen-Feuerwerk! Jetzt müsste es eigentlich soweit sein …

Was müsste soweit sein?

Äh … Wo war ich? Ach ja, bei queer. Eigentlich ist der Begriff für mich immer noch relevant, auch wenn die Kategorie Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Es gibt ja immer noch Ungleichheiten. Und Unterdrückung. Vielleicht nicht so sehr in diesem Hub. Hier leben die Ungechippten in verlassenen Büroräumen, da haben sie zumindest eine gewisse Infrastruktur. Aber wie sieht das anderswo aus? Darüber wissen wir viel zu wenig. Queer ist für mich auch eine …

Huch, was ist das? Die Parade scheint stehenzubleiben … Wo ist die Musik? Und die Lichtshow …?

Läuft dein iTap noch?

Scheiße … nein.

Ha! Es ist tatsächlich alles off! Anscheinend haben sie’s geschafft …

Wie? Wer? Was?

Na, die alternative Demo!

OH MY …! Die Drohnen fallen einfach vom Himmel … Hallo? Könnt ihr mich noch hören?

Tja – ganz schön blöd, sämtliche Security hier einzusetzen und die Alphabet-Server praktisch unbewacht zu lassen …

Hallo? Hallo …? Mist!

Sieht aus, als sei die Show vorbei. Was ich vorhin noch sagen wollte: Queer ist für mich vor allem eine Position, von der aus es sich kämpfen lässt.

 

Der Text ist zuerst erschienen im TAGESSPIEGEL.



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