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Gepostet am 20. Juni 2019  | Eva Tepest

Queer: Ein subjektives Manifest

Ein Essay über die Grabenkämpfe der Queerness, die Gefahr einer starren Identität und neue Ausschlüsse innerhalb der Einschlüsse.

I belong to the future in my body
jayy dodd[1]

Queer ist ein Schlachtfeld. Queers werfen sich untereinander Ausverkauf an Mainstream, die Homonormativität oder die gleichgeschlechtliche Eheschließung vor. Die Polittunte und Genderforscherin Patsy L’Amour la Love erklärt queer zur »Spielwiese heterosexueller Hipster«, während der AfD-Abgeordnete Jens Maier sich im Bundestag über die Stiftung Magnus Hirschfeld und »quere (sic) Personen in Deutschland« echauffiert.

Queer ist nicht vorstellbar ohne eine Geschichte von Kämpfen. Als englischsprachiges Schimpfwort im 19. Jahrhundert etabliert, bedeutet queer im angloamerikanischen Raum immer noch auf eine befremdliche Art merkwürdig. In den 80ern reklamierten Aktivist*innen den Begriff im Zuge der AIDS-Krise für sich – aus der Act-up-Bewegung ging die Aktionsgruppe Queer Nation hervor, in deren Gründungsmanifest es heißt: »You as an alive and functioning queer are a revolutionary«. Queer begreift in sich die radikale Haltung wider die herrschenden Zustände, den Anti-Establishment-Impuls, das Randständige: Queer is a riot.

Gleichzeitig prägt den Begriff eine dynamische Wechselbeziehung zur Mehrheitsgesellschaft: Queer ist Ressource für die Kulturindustrie und oppositionelle Praxis zugleich. Im englischsprachigen Raum wurde queer in den 90ern zunehmend salonfähig. Dazu trug etwa Judith Butler mit ihrem Buch Gender Trouble bei, in dem sie auf den Schultern post-strukturalistischer, feministischer und psychoanalytischer Theoretiker*innen einen subversiven, dynamischen Umgang mit der Zweigeschlechtlichkeit aufzeigte.[2] In der Folge bereiteten New Queer Cinema, Queer Studies und Queercore den Weg für einen queeren Mainstream. In deutschen Diskussionen ist queer seit Mitte der Nullerjahre gebräuchlich. Hier fiel die subkulturelle und aktivistische Latenzphase aus:[3] Die Selbstidentifikation von Marginalisierten ereignete sich nahezu zeitgleich mit der Verglitterung der Partykultur. Queer is not wearing short hair anymore because that’s what straight hipsters straight girls do and you do not want anyone to dare assume you’re straight.

Mit der Allgegenwart von queer seit den frühen 2010ern zeichnete sich im deutschsprachigen Raum alsbald ein weiterer Konflikt ab, der in den USA ebenfalls schon seit den 90ern wütet. Denn die identitätspolitischen Impulse aus dem angloamerikanischen Raum provozierten nicht nur Rechte. So warfen Aktvist*innen, die der gleichen Szene angehörten und dieselben Bars besuchten, Queers die autoritäre Unterordnung unter eine reaktionäre Ideologie und den Verrat feministischer und schwul-lesbischer Errungenschaften vor. Sinnbildlich steht dafür die Auseinandersetzung um den Sammelband Beißreflexe.

[4]Queers sehen sich somit von den Angehörigen ihrer eigenen Community angefeindet, dem anhaltenden Hass der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt und durch den kapitalistischen Ausverkauf bedroht. Die nachvollziehbare Gegenwehr macht queer zu einer immer verbisseneren Chiffre für eine vermeintlich klar abgegrenzte Identität: anti-rassistisch, anti-kapitalistisch, radikal. Queer ist utopistisch.

Bin ich queer genug?

In diesem utopistischen Impuls bricht sich die Sehnsucht nach einer perfekten Identitätsposition Bahn, die sich gegen alle äußeren Feinde verteidigen lässt. Das ist verständlich. Und trotzdem Humbug. Könnte queer makellos bedeuten, müsste man die Menschen ausschließen, die das nicht sind. Also alle. Denn in einer beschissenen Welt ist keine Person perfekt. Das bringt die Theoretikerin Andrea Long Chu in ihrem gnadenlos smarten Verriss der Memoiren der Transparent-Schöpferin Jill Soloway auf den Punkt: »If the question is, ›Can women and queers be pretentious assholes?‹, She Wants It holds the answer.«[5] Wir sind alle Arschlöcher, nur in unterschiedlichen Schattierungen. Wer behauptet, unbefleckt queer zu sein, werfe den ersten Stein.

Queer will not hold, und das ist auch gut so. »Identität ist nicht nur ein Instrument, sich gegen die Funktionalisierung durch eine Dominanzkultur zu verteidigen. Sie ist auch monolithisch, dogmatisch und zutiefst unerotisch«, schreibt der Lyriker und Essayist Max Czollek in einem anderen Zusammenhang.[6] Die Festschreibung von Identität führt zu einer konstanten Moralisierung und negiert radikale Vielfalt. Und sie baut Druck auf: »Bin ich queer genug?«, fragt etwa die Post-Pop-Band Frau Sammer. Dieser Druck ist gekennzeichnet durch die Strenge, mit der Marginalisierte sich selbst geißeln: das nie einlösbare Versprechen darauf, durch Unfehlbarkeit unangreifbar oder zumindest endlich in Frieden gelassen zu werden. Denn die Gesellschaft, in der wir leben, wird in absehbarer Zeit nicht aufhören, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu verfolgen. Queer ist tragisch.[7]

Queer – eine Phänomenologie

Queer als starre, identitäre Position ist empirisch und ethisch nicht aufrechtzuerhalten. Das Dynamische und das Vage machen den Reiz von queer aus. Queer bezeichnet eine sub-kulturelle Zugehörigkeit mit fluiden Kennzeichen und wechselnden Attributen. Bear with me: Queer ist ein Fandom. Dieses Fandom ist geprägt durch eine spezifische Form der Ambivalenzbeziehung zum Heterosexismus. Ambivalent deshalb, weil der heterosexistische Imperativ von Geschlecht als »kaum entrinnbares Zwangssystem, das sich nur mit Mühe unterlaufen lässt« operiert.[8] Und weil queer ihm die unbändige bis beiläufige Sehnsucht entgegensetzt, dennoch davonkommen zu können.

Jede, die offenen Auges durch unsere von toxischer Männlichkeit beherrschte Welt geht, kann nicht umhin, als die Krise der Geschlechterordnung festzustellen. Donald Trump, Jair Bolsonaro, Viktor Orbán: Alte weiße Männer verwirklichen ihre wahnhaften Vorstellungen von autoritärer Männlichkeit zum Leidwesen von Frauen, Queers, sozial Schwachen, Schwarzen Personen. »Heterosexuelle Melancholie hindert das männliche Geschlecht daran, um das Maskuline und seine Unfähigkeit zu lieben zu trauern.«[9] Männer, die die Zurückweisung durch die Hand von Frauen nicht ertragen, töten. Queer bündelt das soziale Unbehagen über die Gewalt des Heterosexismus. Ich habe seit Jahren keine heterosexuell lebende Frau mehr getroffen, die sich nicht wünscht, auf Frauen zu stehen. Dieser Tage scheint es angesichts der politischen Weltordnung schwierig, nicht un petit peu queer zu sein. Wie manifestiert sich diese Sehnsucht?

Queer is a way of life. Eine spezifische Verkörperung von Begehren und Gender, die dem Heterosexismus ein Schnippchen schlagen will. Queer ist nicht, mit wem du schläfst. Es ist, mit Charlotte Grief, eine Ansammlung von Gesten, viel mehr als eine Schablone.

Ein unvollständiger Index:

Ich sehe dich, einen dünnen silbernen Ring im linken Ohr.

Ich sehe mich, in Kinderbildern, traurig, das s.Oliver-Shirt ein Emblem auf meiner Brust, daran zweifelnd, ob ich je eine Frau küssen werde.

Ich sehe uns, um Worte ringend, inner world, outer world collpase, ein Fanal der Potenzialität.

Wo bleibt meine Revolte?

Eileen Myles beschreibt in seinem/ihrem lyrischen Roman Inferno Fotografien des schwulen Dichters Hart Crane: »He seemed to be gazing into another world. (…) That interested me. My father looked that way. I figured it meant that you were gay.«[10] Für Myles kennzeichnet der Blick hinaus in eine andere Welt die Abweichung des Begehrens. Wie sieht dieser Blick aus? Er ist notwendigerweise immer etwas off, er gleitet an den beschämenden Begebenheiten ab. Nichts für gegeben nehmen zu können, birgt die Möglichkeit der Veränderung. Selbst negative Gefühle – die Scham der Kindheit, der Schmerz queerer Adoleszenz – stellen »a near-inexhaustible source of transformational energy« dar.

[11]Das Patriarchat ist Hydra, die queere Verheißung uneinlösbar. In dieser Uneinlösbarkeit liegt eine Chance. Denn wer seine eigene Identität nicht ausfüllt, ist gefeit vor dem Joch, sie stabilisieren zu müssen.[12] Queer ist immer unzureichend. Wir müssen selber entscheiden, welche mangelhafte Form von queer wir sein wollen. Die Zukunft unserer Körper gehört uns.

 

Der Text ist zuerst erschienen im metamorphosen-Magazin Nr. 23 (2019). S. 4-7.

[1]jayy dodd, »Exhibition«, Hyperallergic, 2017.

[2]Judith Butler, Gender Trouble, New York 1990.

[3]Volker Woltersdorff, »Queer Theory und Queer Politics«, in: Utopie Kreativ (156), 2003.

[4]Floris Biskamp, »Das falsche Buch zur richtigen Zeit«, in: Texte zur Kunst (107), 2017; Patsy L'Amour laLove (Hrsg.), Beissreflexe: Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, Berlin 2017.

[5]Andrea Long Chu, »Noone Wants It«. Affadavit, 2018.

[6]Max Czollek, Desintegriert euch!, München 2018.

[7]Ein prägnantes Beispiel für diese Tragik ist der Gemeinplatz der »Kommerzialisierung« queerer Kultur. Die These, nach der queere Ästhetik vom Kapital aufgekauft wird, kritisiert etwa der Geschlechter- und Queertheoretiker Jack Halberstam. Er beschreibt meisterhaft, dass der Zusammenhang zwischen Fortschritt, Kommerz und Subkultur sehr viel komplexer ist als eine simple Entgegensetzung vermuten ließe. Und argumentiert, dass die holzschnittartige Lesart von Avantgarde (minimalistisch, heterosexuell, männlich) vs. Kitsch (schrill, queer, weiblich), Vorurteile verfestigen kann: »The rigid identification of postmodernism with queer consumption and of modernism with heterosexual prodcution is starting and troubling (...): a homophobic repudation of the superficial, the depthless and the spectacular«. Jack Halberstam, Judith Halberstam, In a Queer Time and Place: Transgender Bodies, Subcultural Lives. New York 2005.

[8]Biskamp 2017.

[9]Judith Butler, Bodies That Matter, New York 1993.

[10]Eileen Myles, Inferno: A Poet’s Novel, New York 2010.

[11]Eve Kosofsky Sedgwick, »Queer performativity: Henry James's The art of the novel«, GLQ-NEW YORK (1), 1993.

[12]Didier Eribon, Insult and the Making of the Gay Self, Durham 2004.



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