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Gepostet am 19. Oktober 2020  | Bernd Gaiser

Der Mond am Himmel über Berlin. Eine liebestolle Affäre.

Sexy Paper No. 4

Das Geräusch schmutzigen Schnees unter den Füßen und der Anblick eines Fremden im Rücken beflügeln meine Phantasie. In der es mich nach Ablenkung von mir selbst verlangt, und danach, mich an seine Gangart anzupassen. Der mir im Verrenken meines Kopfes nach ihm ins Auge springt. Um mich hypnotisch in Schlaf zu versetzen und aus ihm wach zu küssen und widerstreitenden Empfindungen ans Licht zu verhelfen. Im Verlangen nach der Begegnung mit ihm. Trotz Unsicherheit, was mir in Verbindung damit blüht. Weil es kein Entrinnen davon gibt. Nicht am Tag, und noch weniger bei Nacht. Weil die Sehnsucht danach überwiegt. Weshalb sich empfiehlt, ihr die Oberhand zu lassen. Auch wenn nicht auszuschließen ist, es mit dem Unbekannten in meinem Rücken, mit einer nicht auf Anhieb überschaubaren Herausforderung zu tun zu haben. Als Ausdruck übertriebener Erwartungen, die es in sich haben. Im mich peinigenden Bedürfnis, zu vermeiden, dem Angriff eines mit Pfeil und Bogen Bewaffneten zum Opfer zu fallen, der meine Phantasie beflügelt, in der Erwartung, sich nicht damit zu begnügen, unter meine Gürtellinie zu zielen, sondern mich mitten ins Herz zu treffen.

Wirksam als Nervenkitzel, weil ich keine Ahnung habe, was er im Schilde führt. Im Blick an ihm hinab darauf aufmerksam, mich vor allem von seinem hinreißenden Erscheinungsbild vereinnahmt zu erfahren.  Dazu entschlossen, aufs Ganze zu gehen, also Nägel mit Köpfen zu machen. Um mich als Schlafwandler, in traumwandlerisch anmutender Sicherheit voran zu bewegen. Voll von der Anmut dessen in Anspruch genommen, der mich unaufhaltsam in den Bann zieht. Unterm Eindruck, über alle notwendigen Insignien dafür zu verfügen. Als Ergebnis seines erstaunlich anmutenden, unterm groben Stoff seiner Hose bloß zu ahnenden Königszepters. Dessen Umfang, sich meiner Kenntnis entzieht, in meiner Vorstellung aber dem eines Riesen entspricht, den ich mit ihm verkörpert erfahre. In der Erwartung, dies auch zum Einsatz zu bringen. Inmitten der uns umgebenden Finsternis. Eingebettet in das Geräusch des sich in gleichmäßiger Geschwindigkeit voran bewegenden Wassers des unseren Weg flankierenden Landwehrkanals. Um mich vom Anblick auf seiner Oberfläche tanzenden Lichtreflexen vereinnahmt zu erfahren. Darauf angewiesen, zu vermeiden, den Anschluss an ihn zu verlieren, dem es mit Leichtigkeit gelingt, mich um den Verstand zu bringen. Weshalb sich empfiehlt zu vermeiden, ihn aus den Augen zu verlieren. Sodass wir uns am Eingang der Hochbahnstation Prinzenstraße dafür entscheiden, uns der U-Bahn-Linie 1 als Fortbewegungsmittel zu bedienen. Um mich ihm gegenüber breitbeinig, also in männlich-herausfordernder Manier niederzulassen. Im Anblick des in Höhe seines Schritts zu ahnenden Pakets von ihm verausgabt, als Beule, mit der er unterwegs ist. Unterm Eindruck: Halb zog es mich, halb sank ich hin.

Wirksam auf einer Ebene mit dem Glas Wasser in der Wüste und der Luft zum Atmen. Im Gefühl, mich süchtig danach zu empfinden. In der Erwartung, seinerseits mit dem Gedanken zu spielen, seinen Mut an mir zu kühlen. Einer, von dem anzunehmen ist, Bescheid zu wissen, was nötig ist, um mich damit in die Finger zu kriegen. Als Ergebnis meiner eigenen, sichtbar zur Schau getragenen Bereitschaft, alles, was er verspricht, in vollen Zügen zu genießen. Was genügt, um mich damit in den Bann zu ziehen. Wirksam als in jeder Hautfalte nachvollziehbares Gefühl des Verlangens danach, alles zu wagen. Im Sinne der Magie eines sich am Sack kratzenden Helden der Arbeiterklasse in knallengen Bluejeans und mit an den Ärmeln aufgekrempeltem kariertem Baumwollhemd. Und mit im Halsausschnitt nachvollziehbarer dunkler Wolle seiner Brustbehaarung. Samt kräftiger Unterarme. Als weiterem Ausdruck der an ihm nachvollziehbaren Sinnlichkeit. Als Voraussetzung dafür, nach Ankunft an unserem Ziel zu vermeiden, mich auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden, sondern mich nach Verlassen der Hochbahn am Bülowbogen seiner Bereitschaft zu versichern, einander auf den Fersen zu bleiben. Um uns auf dem Weg zum Nollendorfplatz nicht aus den Augen zu verlieren. Weil sich alles darum dreht, es gemeinsam zu schaffen, uns auf einander zu beziehen. In der Absicht, mich nicht damit zu begnügen, ihm auf sein Verlangen hin Feuer zu reichen, um ihm damit zu ermöglichen, seine Zigarette daran zu entzünden. Und mir, mit ihr zwischen den Lippen, ihren Rauch zwischen beide davon tränenden Augen zu blasen. Nachdem es ihm gelungen ist, beide Hände um die Flamme des Streichholzes zu biegen, um sie – im Griff des Wind nach ihr – vor dem Erlöschen zu bewahren. Angesichts seiner mich vereinnahmenden Aufmerksamkeit, kaum wagend, laut zu atmen. Während er mir signalisiert, keinerlei Grund zur Besorgnis darum zu haben: He Mann, wassen los mit dir? Wieso zittersten so? Es tut dir doch keiner was! Jedenfalls nichts, was du nicht selber willst.

Nur mit Mühe imstande, an mich zu halten, als Opfer grundloser Geilheit und des Verlangens danach, uns rückhaltlos darin zu verausgaben, dazu entschlossen, nicht davor haltzumachen, mich vor ihn hinzuknien und ihn mit dem Mund zu befriedigen, und es gemeinsam auf die Spitze zu treiben, dem unausweichlichen Höhepunkt entgegen. Es sei denn, Gefallen daran zu finden, sich vor mir zu bücken. Dank Geneigtheit meinerseits, ihn von hinten zu beglücken. Um nicht auszuschließen, sein Lotterbett mit ihm zu teilen. Auf die Gefahr hin, mich in ihm jeder erdenklichen Folter zu unterziehen, um damit der Poesie der Lust daran zu dienen. Im übereinstimmenden Verlangen danach, uns nicht mit dem flüchtigen Blickwechsel zu begnügen, sondern alle Register zu ziehen. Wenn auch nur für die Dauer des Augenblicks, dessen es bedarf, um zum Ausdruck zu bringen, was Sache ist: Sorry, tut mir echt leid, falls du den Eindruck hast, was von dir zu wollen. Aber leider bin ich nicht der Typ dafür, mich aus dem Stand heraus darin zu verausgaben. Aber wenn du magst, können wir uns gerne bei einem Bier darüber unterhalten, doch vielleicht auf unsere Kosten zu kommen.

Als Opfer zweier Seelen in meiner Brust, ist es an mir, ihm kopfnickend beizupflichten, um trotz damit verbundener Zwickmühle mit dem Gedanken zu spielen, ernst damit zu machen, nach dem Motto: Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wirksam als Riss, der mitten durch mich hindurchgeht und nicht zu kitten ist. In der Absicht, meinen Gegenüber dafür zu gewinnen, mich samt funkelnd auf mich gerichtetem Augenpaar zu vereinnahmen, sowie mittels seiner männlich/erotischen anmutenden Anziehungskraft. Weil der Abend, der noch jung ist, gerade erst angefangen hat, und die Nacht dafür ideal, sie nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, sondern bis zur bitteren Neige auszukosten. Hingerissen von einem, der kometengleich meine Bahn kreuzt und dessen Anblick mir das Blau des Himmels verspricht. Welcher sich über uns öffnet, damit der Mond überm Bülowbogen seine Wirkung entfaltet, um mich – genau wie jener über Soho – dafür zu gewinnen, mich einfach hinzulegen. In der Absicht, mich ihm, wie die sprichwörtliche Nutte, an jeder Straßenecke zum raschen Verzehr anzubieten: Na, mein Schatz, wie wäre es mit uns beiden, heute Nacht?

Um selbst dann nicht davor haltzumachen, wenn es der Absicht meines Gegenüber entspricht, mich mit dem auf mich gerichteten Lauf einer Pistole und einem Finger am Abzug zur Räson zu bringen. Zur Förderung meiner Unterwerfungsbereitschaf und im Verzicht auf den Widerstand dagegen. Dank mich erwartender unsagbarer Machenschaften, darauf eingestellt, es dem jeweils anderen zu überlassen, mich der Folter des Teerens und Federns zu unterziehen, sowie dem daraus resultierenden Prozedere eines Ritterschlags meiner Person, um wie Phönix aus der Asche zu steigen und ohne Blessuren daraus hervorzugehen. Weil die Kraft der Liebe alles vermag. Im Verzicht darauf, ihr Handschellen anzulegen. Um stattdessen der Poesie des Verlangens danach eine Bresche zu schlagen. Mitten durch das Dickicht widerstreitender Gefühle. Als Versprechen darauf, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Um es nicht beim einmaligen flüchtigen Blickkontakt bewenden zu lassen, sondern im Schwarz der Pupillen dessen zu ertrinken, der mich behutsam aber entschieden, darauf aufmerksam macht: He Mann, du bist dir aber schon darüber im Klaren, mein Lieber, es mit mir mit einem Transmann zu tun zu haben?! Um in Verbindung damit aus allen Wolken zu fallen. Doch nicht in der Absicht, es dabei bewenden zu lassen, sondern tief durchzuatmen, und Mut zu fassen, als Auftakt zum damit verbundenen Wagnis des Aufbruchs, im Sinne des Neubeginns und der ganz großen Gefühle.

 


Das war Sexy Paper No. 4. Sexy Papers sind Einsendungen von queeren Autor*innen, die unserem *Call for Sexy Papers* im Juli/August 2020 gefolgt sind und uns ihre literarisch-queeren Sexszenen geschickt haben. Ganz gleich, ob pornografisch, realistisch, symbolistisch, surreal oder einfach nur poetisch – diese Texte brechen mit einem immer noch hartnäckigen Tabu.



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