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Gepostet am 25. September 2020  | Julian Mars

Sinnerman

Sexy Paper No. 1

Seine Wohnung war winzig. Eigentlich war es nur ein kleines Zimmer, in dem als einzige Möbel ein Schreibtisch, ein Bett und eine Kommode standen. Die Klamotten lagen gefaltet auf dem Boden oder hingen an einer nackten Kleiderstange. Ein lächerlich kurzer Flur führte in die Küche, in der sich zu meiner Irritation auch die Dusche befand.
Hatte er kein Bad? Wo war sein Klo? Gab es keins?
Während der gesamten Fahrt hatte er kein Wort gesprochen und jetzt tat er so, als ob ich gar nicht da wäre. Er zog seine Jacke, das Hemd, die Schuhe und seine Socken aus und setzte sich in Unterhemd und seiner schwarzen Kellnerhose auf ein winziges Bänkchen in der Küche. Dann goss er sich Rotwein in ein schon benutztes Wasserglas, das neben der Bank auf einem kleinen Kühlschrank stand, und zündete sich eine Zigarette an. Er griff um die Weinflasche herum und schaltete einen kleinen Kassettenrekorder ein, dem schon ein paar Knöpfe fehlten. Ausgerechnet Nina Simone, die Lieblingssängerin meiner Mutter.
Oh, Sinnerman, where you gonna run to?
„Wenn du Wein willst, über der Spüle sind Gläser. In meiner Wohnung werd ich dich nicht bedienen.“
„Okay“, sagte ich und holte mir ein Glas aus dem Schrank, wobei ich mich sehr beobachtet fühlte. Ich goss mir aus der Flasche ein und überlegte, ob ich ihm zuprosten sollte. Doch dann setzte ich mich einfach neben ihn auf die Bank und nahm einen Schluck. Der Wein schmeckte verdammt gut, so gut, dass ich mich fragte, ob er ihn auf der Arbeit mitgehen ließ.
Er holte eine Euromünze aus seiner Hosentasche und stellte sie mit der Kante auf den Kühlschrank.
„Weißt du, was das ist?“, fragte er.
„Ein Euro?“
„Das ist mein Anteil am Trinkgeld. Fünf Euro hat dein Vater gegeben. Nachdem wir euch Arschgeigen bis nachts um zwei bedient haben.“
Ich schielte auf die Uhr, die über der Tür hing. Es war gerade zwanzig nach eins.
„Soll ich dir noch was geben?“ Es rutschte mir einfach so raus. Ich weiß nicht mehr genau, aber wahrscheinlich dachte ich in dem Moment wirklich, dass es ihm darum ging. Er drückte seine Zigarette aus und stand auf. Dann nahm er mich an der Hand und zog mich hinter sich her ins andere Zimmer. Er zog sich bis auf eine enge, schwarze Tchibo-Unterhose aus. Sein Oberkörper war wirklich verdammt durchtrainiert und sexy, aber er wirkte auch ein bisschen beängstigend. Seine Statur war bullig, aber trotzdem war nirgendwo Fett zu sehen. Der typische Schulhofschläger. Ich betrachtete seinen Sixpack und die beeindruckenden Brustmuskeln, auf denen ein paar rasierte Haare nachwuchsen.
„Zieh dich aus, ich warte.“
Nach ein paar Sekunden stand ich nackt vor ihm.
„Leg dich auf den Bauch. Und drück den Arsch nach oben.“
Ich wusste, worauf das hinauslaufen würde. Ich hatte mich immer noch von niemandem ficken lassen und ich hatte große Zweifel, dass dieser mitleidlose Grobian der passende Partner fürs erste Mal sein würde. Aber dann dachte ich, wie weh kann es schon tun?
Es war eine sehr, sehr dumme Frage, wie sich bald herausstellen sollte.
Ich legte mich quer übers Bett und er kniete sich davor auf den Boden. Dann steckte er seinen Kopf zwischen meine Arschbacken und begann, mich zu lecken. Ich hatte mich schon ein paar Mal lecken lassen, weil es im ›Black Hole‹ immer wieder Typen gab, denen es großen Spaß machte, das mit jungen Typen zu machen. Sie leckten einen knackigen Arsch, holten sich dabei einen runter und waren glücklich, wenn der Junge glücklich war.
Hier ging es aber eindeutig nicht darum, mir eine Freude zu machen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es ihm besonderen Spaß machte. Es war schlicht ein Akt der Vorbereitung.
Wahrscheinlich hat er sich entscheiden müssen, ob er sich einen Topf Gleitgel leistet oder einen Schreibtischstuhl, dachte ich.
Seine Zunge fühlte sich rau an, fast wie die eines Esels, und er ging äußerst grobmotorisch zu Werke.
Als ich seiner Meinung nach wohl genug vorbereitet war, stand er auf, packte mich an den Waden und drehte mich herum wie ein Hafenarbeiter einen Sack Kaffeebohnen. Dann stieg er zu mir aufs Bett und warf meine Beine so über seine Schultern, dass ich nur noch mit dem Hinterkopf und einem kleinen Teil der Schultern die Matratze berührte. Seine Unterhose musste er während des Leckens ausgezogen haben, jedenfalls hatte er keine mehr an.
Er spuckte sich in die rechte Hand und schmierte sich damit den Schniedel ein. Ich hatte Angst, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Dann spürte ich seinen Schwanz an meinem Loch. Ich erinnerte mich an Samantha aus Sex and the City und atmete gleichmäßig und tief, wie bei einer Geburt, als er sich langsam, aber unerbittlich in mich rein presste. Es konnte noch nicht viel mehr als die Spitze gewesen sein, die in mir drin war, aber es fühlte sich jetzt schon an wie ein halber Unterarm. Und es tat weh. Sein Gesicht schwebte einen halben Meter über meinem und er beobachtete interessiert und mit offensichtlicher Befriedigung, wie ich das Gesicht verzog und durch die Zähne atmete. Sein Atem roch nach Knoblauch, Wein und Zigaretten, was ich in dem Moment genauso eklig fand, wie es jetzt klingt. Aber es wirkte auch irgendwie männlich. Und gefährlich.
Ohne Vorwarnung ließ er sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich fallen und drückte mir so mit der Geschwindigkeit des freien Falls sein komplettes Teil rein. Der Rest war Schmerz.
Dem Wichser gefiel es, dass ich aufschrie und mir Tränen in die Augen schossen, zum mindestens dritten Mal seinetwegen. Kurz verharrte er in dieser Position, dann legte er los. Er stemmte sich hoch und ließ sich dann immer wieder auf mich drauf, also in mich rein, fallen. Wie perverse Liegestütze. Ich hörte mich selbst wimmern und sah sein fieses, schiefes Grinsen wegen der ganzen Tränen nur verschwommen.
Er wurde immer schneller und zum Schmerz in meinem Arsch kam bald auch noch ein ächzender Nacken dazu, weil ich seine Stöße durch sonst nichts abfedern konnte. Obwohl ich zu kaum einem klaren Gedanken in der Lage war, fragte ich mich, ob man beim Ficken ein Schleudertrauma bekommen konnte. Oder einen Genickbruch.
Es tut uns schrecklich Leid, Frau Lipfels, aber wir müssen Ihnen mitteilen, dass ihr einziger Sohn tot ist. Er starb, als er sich ohne Gummi von einem Dienstburschen in den Arsch hat ficken lassen. An Ihrem Geburtstag.
Überhaupt, ohne Gummi. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang überhaupt nicht daran gedacht hatte, weil alles so schnell ging. Und als es mir dann einfiel, war es zu spät.
„Macht Spaß, oder?“
Ich wusste, dass das nur eine Fangfrage sein konnte, also antwortete ich nicht.
„Was dein Papa sagen würde, wenn er dich so sehen könnte, hm?“
Ich bekam das Gefühl, dass er eigentlich viel lieber meinen Vater ficken würde.
„Ich bin nicht nur Kellner. Ich bin Autor, ok?“
„Okay“, stöhnte ich. Was ich dachte, war: Bitte, lass es schnell vorbei sein.
Er schob sich sein kleines Goldkettchen in den Mund und hielt es zwischen seinen Zähnen fest. Ob es ihn nur störte, dass es die ganze Zeit hin und her gebaumelt hatte, oder ob es irgendeine Art abstruser Fetisch war – keine Ahnung.
Irgendwann tat es weniger weh. Ein kleines bisschen zumindest. Und gerade, als ich das Gefühl hatte, dass es langsam tatsächlich anfangen könnte, sich gut anzufühlen, war es vorbei. Er grunzte wie ein angeschossener Elefant, ließ sich noch zwei, drei Mal mit seinem ganzen Gewicht auf meinen Arsch plumpsen und brach dann über mir zusammen.
„Hätte nicht gedacht, dass du noch so eng bist“, schnaufte er.
Dann zog er seinen Prügel aus meinem Arsch, wobei dieser ein ziemlich vulgäres Geräusch machte, was ihn aber nicht zu stören schien. Zumindest sagte er nichts, als er aufstand und sich mit dem Rücken zu mir sofort seine Unterhose anzog. Kommentarlos ging er in die Küche und kurz darauf hörte ich, wie in der Dusche das Wasser aufgedreht wurde.

 

"Sinnerman" ist ein Auszug aus dem Roman Jetzt sind wir jung (Albino Verlag, 2015).


Das war Sexy Paper No. 1. Sexy Papers sind Einsendungen von queeren Autor*innen, die unserem *Call for Sexy Papers* im Juli/August 2020 gefolgt sind und uns ihre literarisch-queeren Sexszenen geschickt haben. Ganz gleich, ob pornografisch, realistisch, symbolistisch, surreal oder einfach nur poetisch – diese Texte brechen mit einem immer noch hartnäckigen Tabu.



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